Kulturanalyse

Die Fehmarnbeltregion

Quelle: ews group gmbh, kulturLINK Fehmarnbeltregion, Life in a new cultural region, June 2011

Die deutsch-dänische Region rund um den Fehmarnbelt ist eine Region, die sich stärker vernetzen und zusammen stärker wachsen will – und zwar schon vor dem Bau der festen Querung. Kulturelle und wirtschaftliche Vernetzungen, aber auch Vernetzungen im Bereich Tourismus und Bildung sind dabei von besonders hohem Interesse. Eine wichtige Voraussetzung für eine gemeinsame Zusammenarbeit ist dabei ein interkulturelles Verständnis.

Historischer Hintergrund
Die Fehmarnbeltregion hat eine vielfältige gemeinsame Geschichte von mehr als 10.000 Jahren. Besonders während der Steinzeit und des Mittelalters entwickelten ihre Bewohner starke soziale und wirtschaftliche Beziehungen.
Im frühen 9. Jahrhundert bauten die Wikinger Haithabu in der Nähe der jetzt deutschen Stadt Schleswig, die zu einer der wichtigsten Siedlungen und in Nord-Europa wurde. Die Wikinger beherrschten das Gebiet bis in das späte 11. Jahrhundert und das Königreich Dänemark erweiterte dadurch seine Präsenz an der südlichen Ostseeküste bis in das frühe 13. Jahrhundert. Im Jahr 1227 besiegten die Hanse die Dänen bei Bornhöved. Der Rückgang der dänischen Vorherrschaft über Nordeuropa begann, gekennzeichnet durch die Besetzung von Vordingborg von der Hanse im Jahre 1364. In der Schlacht von Düppel im Jahr 1864, in der Dänemark besiegt wurde, führte zu dem Verlust von den Herzogtümer Schleswig und Holstein an Deutschland, welche dem dänischen Königreich seit Jahrhunderten gehörten. Zusammen mit der deutschen Besetzung während des 2. Weltkriegs haben diese beiden neueren historischen Ereignisse schmerzhafte Narben im Bewusstsein Dänemark hinterlassen Jedoch wurden zahlreiche bedeutende Schritte in den letzten 10 Jahren unternommen, um diese schwierige historische Beziehung aufzuarbeiten. Im Jahr 2010 wurde zum Gedenken an die Schlacht von Düppel zum ersten Mal der deutsche Botschafter eingeladen.

Das Interesse an Deutschland unter den Dänen nimmt stetig zu. Die Dänen reisen mehr und mehr zu ihren Nachbarn im Süden; dänische Künstler haben Kontakte zu anderen Künstlern in Schleswig-Holstein aufgebaut. Auf der anderen Seite haben vor allem die Norddeutschen die dänische Landschaft, den Lebensstil, das dänische Design und die Architektur seit mehr als einem halbem Jahrhundert schätzen und lieben gelernt. Im Hinblick auf die Preisunterschiede (Kronen ↔ Euro), die den Handel entlang der deutsch-dänischen Grenze beeinflussen, werden enge wirtschaftliche Beziehungen gehalten.

Geographische Definition
Die Fehmarnbeltregion umfasst den südlichen und westlichen Region von Sjælland mit 14 Gemeinden auf der dänischen Seite und die Landkreise Ostholstein und Plön sowie die Hansestadt Lübeck im Land Schleswig-Holstein, auf der deutschen Seite des Fehmarnbelts. Die dänische Fehmarnbeltregion mit 7273 km² ist mit 806.000 Einwohnern nur gering bevölkert. Die deutsche Fehmarnbeltregion umfasst 2689 km² und ist mit 553.530 Einwohnern noch weniger bevölkert, als die dänische Seite.

Infrastruktur
Die Region erstreckt sich entlang der Verkehrsachse zwischen den Metropolen Kopenhagen und Hamburg. So kann die Fehmarnbeltregion als eine Verbindung zwischen diesen beiden Metropolen gesehen werden. Die Autobahnen E476/55, die nach Nord-Süd verlaufen und die E20, die von Osten nach Westen verläuft, gehen durch Sjælland. Die Autobahn A1 verläuft Nord-Süd quer durch Schleswig-Holstein und weiter bis Hamburg. Das verbindende Element zwischen den beiden geographischen Bereichen ist die Fähre über den Fehmarnbelt zwischen Rødbyhavn und Puttgarden. Die Region ist durch seinen maritimen Charakter gekennzeichnet. Die natürliche Schönheit der Küstenlinien, ihre Häfen und Fährverbindungen zwischen Deutschland und Dänemark sind die Stärken der Region mit Hinblick auf den Tourismus und die wirtschaftliche Entwicklung.

Kulturelle Besonderheiten und Highlights
Region Sjælland
Die südlichen und westlichen Teilen von Sjælland werden von ihrem ländlichen Charakter und der hohen Anzahl an Bauernhäusern und Herrenhäuser geprägt. Die Stadt Sorø war eine mittelalterliche Handelsstadt und ist heute die Hauptstadt der Region und Heimat der Sorø Akademi, die älteste Schule von Dänemark mit einer mehr als 400-Jahre alten Geschichte. Die Stadt Næstved ist die größte Stadt der Region und war ein wichtiges religiöses Zentrum im Mittelalter. Das Gavnø Schloss, in der Nähe von Næstved, hat seinen Ursprung im Mittelalter und ist eine wichtige Familien Attraktion.
Die Attraktion „Sagnlandet Lejre“ (in der Nähe von Roskilde) ist ein kulturgeschichtliches „Mitmach“ Museum welches viele experimentelle Aktionen zur prähistorischen und mittelalterlichen Kultur anbietet.
Die Künstler und Schriftsteller Gemeinde Odsherred und die Inseln Stevns und Møn sind die Gemeinden in der Region, in denen viele Künstler leben. Erlebnispädagogik, vor allem für Familien, bieten das BonBon-Land (Næstved) oder der Knuthenborg Safaripark auf Lolland.

Die Stadt Roskilde, Hauptstadt von Dänemark bis 1443, ist bekannt für seine Universität und seine Kathedrale, die Teil des UNESCO-Weltkulturerbes ist, sowie das Roskilde Festival mit 115.000 Besuchern pro Jahr. Andere kulturelle Leuchttürme der Region sind das „Museum of Art“ in Fuglsang der Gemeinde Lolland und das Mittelalter-Zentrum in Nykøbing, Falster.

Hansestadt Lübeck
210.000 Menschen leben in der Region Lübeck. Die Altstadt der Hansestadt ist Teil des UNESCO-Welterbes. Die Stadt ist die Heimat von vier Universitäten, unter ihnen die Hochschule für Musik, Lübeck. Der Hauptsitz des internationalen Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) ist in Lübeck gelegen, sowie zahlreiche Museen, Theater und die jährlich stattfindenden „Nordischen Filmtage“. Die Stadt ist die Heimat von drei Nobelpreisträger: Thomas Mann, Willy Brandt und Günter Grass. Lübeck wird in 2012 „Stadt der Wissenschaft“ sein. Mit seinem Hafen ist Lübeck eine Drehscheibe für Logistik und europäischen Fähren in der Ostsee so wie ein Anziehungspunkt für Segler und Touristen.

Der Landkreis Ostholstein
Der Landkreis Ostholstein wird durch die größte Anzahl von Touristen, im Verhältnis zu seinen 204.000 Einwohnern, in Deutschland besucht. Die Touristen zieht es besonders zu den Strandgebieten der Ostsee, aber auch in das Hinterland, deren Landschaft geprägt ist von zahlreichen Bauernhäuser und Herrenhäusern. Die Stadt Eutin ist bekannt alsehemaliges mittelalterliches Zentrum, vor allem als Residenzstadt des 18. Jahrhunderts, als die Heimat einer der historischen Kreisbibliothek (Landesbibliothek Eutin) und der Eutiner Festspiele. Eutin wurde oft als das “Weimar des Nordens” bezeichnet hinsichtlich der Schriftsteller Kreise, dem „Eutiner Kreis” und anderen Gelehrten und Künstlern des 18. Jahrhunderts. Ein großer Freizeitpark in der Nähe der Ostsee (Hansapark) und das Wallmuseum in Oldenburg, welches die frühmittelalterliche Geschichte der slawischen Siedlung Starigard zum Leben erweckt, sind spezielle regionale Attraktionen für Familien.

Demographie
Bereits gekennzeichnet durch eine geringe Bevölkerungsdichte in der Region, vor allem im Süden und Westen von Sjælland, wird eine weitere Verringerung der 806.000 Einwohner bis zum Jahr 2020 erwartet. Allerdings wird eine leichte Zunahme der Bevölkerung im Nordosten erwartet, der einen Gesamtanstieg der Einwohner von 0,4% in 2020 für ganz Sjælland zur Folge haben wird. 17% der Bevölkerung in Sjælland ist über 65 Jahre alt; es wird erwartet, dass diese Altersgruppe bis 2020 auf 22% weiteransteigt. Der deutsche Teil der Fehmarnbeltregion erwartet eine Stagnation oder Abnahme seiner Bevölkerung von 553.530 Menschen um bis zu 0,3% im Jahr 2020. Derzeit sind 20% der Bevölkerung über 65 Jahre alt; bis zum Jahr 2020 wird diese Gruppe 25% der Bevölkerung ausmachen, was dem nationalen demografischen Wandel entspricht. Auf der einen Seite wird eine größere Zahl von älteren Einwohnern in der Fehmarnbeltregion eine erhöhte Nachfrage nach Freizeit- und Kulturangeboten zur Folge haben, sowie nach Angeboten im Gesundheitswesen. Auf der anderen Seite werden weniger jüngere und beschäftigte Einwohner zu einem Mangel an verfügbaren Arbeitskräften und damit zu einem Rückgang der wirtschaftlichen Möglichkeiten im Bereich Innovation und Produktion führen.

Wirtschaft
Die dänische Wachstumsrate beträgt 3,9% pro Jahr. Sjælland trägt 10% des dänischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das BIP pro Kopf in Sjælland liegt unter dem dänischen BIP-Gesamtdurchschnittsniveau. Dies steht einem Wachstum von 1,3% in Deutschland gegenüber, wobei Schleswig-Holstein 3,1% zum deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt. Das BIP je Einwohner in den deutschen Fehmarnbeltregion entspricht dem europäischen Durchschnitt BIP und ist damit 11% höher als in Sjælland. Die größten Wirtschaftszweige in der Fehmarnbeltregion sind Dienstleistungen und Handel und stellen 70% der wirtschaftlichen Leistung in der Region dar. Industrie und verarbeitendes Gewerbe sind weitere wichtige Wirtschaftszweige in der Region mit einem Anteil von 25% in Sjælland und 20% in Schleswig-Holstein. Eine der großen Stärken der Region ist ihre Bindung an die Metropolen Kopenhagen und Hamburg. In der Stadt und Region Lübeck finden sich wirtschaftliche Cluster in den Bereichen Lebensmittel, Bio / Medizintechnik, Logistik sowie zahlreiche Altenpflegeeinrichtungen.

Innovation, Forschung und Entwicklung
Die Fehmarnbeltregion braucht Wissen und Innovation, um sich gegen die großen Spieler und Metropolen behaupten zu können. Wissenszentren der Forschung und Entwicklung sind in der Roskilde Universität, der Universität zu Lübeck, der Fachhochschule Lübeck und dem Fraunhofer Institut für Marine Biotechnologie in Lübeck zu finden. Während gute primäre, sekundäre und tertiäre Bildung in der Fehmarnbeltregion vorhanden ist, bieten nur wenige Firmen Beschäftigungsmöglichkeiten in Forschung & Entwicklung. Verbindungen zwischen Forschung und Tourismus, z.B. in der Archäologie, sind vorhanden. Es bleibt eine Herausforderung, die Abwanderung hochqualifizierter Mitarbeiter aus der Region in die Metropolen Kopenhagen und Hamburg entgegenzuwirken.

Ausbildung
Auf der dänischen Seite der Fehmarnbeltregion besitzt ein größerer Teil der Bevölkerung einen höheren Grad an Ausbildung als auf der deutschen Seite, begründet durch unterschiedliche Bildungssysteme. In naher Zukunft wird ein Rückgang des Niveaus der Ausbildung auf beiden Seiten erwartet. Die begrenzte Anziehungskraft der Region für Menschen, die eine primäre, sekundäre sowie tertiäre Bildung suchen, bleibt eine große Herausforderung. Ausnahme bildet das Medizinstudium an der Universität Lübeck, welches oft die “erste Wahl” ist, da Studenten es seit mehreren Jahren als die beste oder zweitbeste medizinische Fakultät in Deutschland bewerten. Die Fehmarnbeltregion hat, durch eine expansive Entwicklung der Bildungseinrichtungen und durch etablierte Netzwerke im Bildungsbereich, die Herausforderung der Abwanderung in die Metropolen allerdings angenommen.

Arbeitsmarkt und Beschäftigung
Die dänische Fehmarnbeltregion hat eine relativ geringe Zahl an Arbeitslosen (ca. 4,0 bis 4,5%). Doch die Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftskrise im Jahr 2009 sind viel stärker auf der dänischen als auf der deutschen Seite des Fehmarnbelts zu spüren. Im Dezember 2010 sank die Anzahl an Arbeitsplätzen in der dänischen Fehmarnbeltregion um 26% und weit mehr Menschen waren arbeitslos als im Dezember 2009, vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen. Auf der deutschen Seite des Fehmarnbelts war die Arbeitslosigkeit in einigen Teilen der Region mehr als doppelt so hoch wie auf dänischer Seite. Doch die Wirtschaft in Schleswig-Holstein hat sich schneller von der globalen Wirtschaftskrise erholt. Dies spiegelte sich in den Arbeitslosenzahlen wider: Im Dezember 2010 gab es weniger Arbeitslose, als im Dezember 2009 gezählt wurden. Eine Erhöhung in Beschäftigungschancen konnte verzeichnet werden, insbesondere in der exportorientierten Wirtschaft und Industrie. Die Zukunft des Arbeitsmarktes in der Region wird durch zwei Faktoren herausgefordert: 1) Das Wachstum der Bevölkerung über 65 Jahren führt zu einer geringeren Anzahl von Beschäftigten; 2) Den Beschäftigten fehlt noch genügend Bereitschaft zur Mobilität, um z.B. Arbeit auf der anderen Seite des Fehmarnbelts zu suchen.

Tourismus
Die Studie „Quantitative Analyse der Destination Fehmarnbelt” von der Fachhochschule Westküste, 2010, untersuchte die Zahl der Touristen in der Fehmarnbelt-Region im Jahr 2008. Laut dieser Studie konnten ca. 14,97 Millionen Aufenthaltstage für die dänische Seite dokumentiert werden, von denen 2,98 Millionen Touristen als Tagesgäste kamen. Ca. 96,90 Millionen Aufenthaltstage wurden auf der deutschen Seite des Fehmarnbelts gezählt, von denen 67,72 Millionen Touristen nur für einen Tag zu Besuch kamen. 40% der Touristen in der dänischen Region waren Ausländer; 21% kamen aus Deutschland. In der deutschen Region waren nur 7% der Touristen Ausländer, 2% von ihnen waren Dänen. In wirtschaftlicher Hinsicht beläuft sich der Mehrwert des Tourismus auf 1,363 Mio. Euro für den deutschen Teil der Fehmarnbeltregion und auf ca. 821 Millionen Euro für den dänischen Teil. Der Tourismus im dänischen und deutschen Teilen der Fehmarnbeltregion konzentrierte sich auf die Küstengebiete, obwohl in Deutschland auch das Hinterland und die Städte Zentren der touristischen Attraktion waren. Eine besser ausgebaute Infrastruktur für Touristen fand die Studie auf der deutschen Seite des Fehmarnbelts, da der Tourismus hier von größerer wirtschaftlicher Bedeutung ist.

Umwelt
Die Fehmarnbeltregion ist durch einen hohen Anteil von Landwirtschaft geprägt, mit Schwerpunkt auf Anbau- und Forstwirtschaft, sowie vielen Naturgebieten und Naturschutzgebieten.

Quelle:
Die Inhalte basieren auf der SWOT Analyse des operationellen Programms, europäischer territorialer Zusammenarbeit (INTERREG IVa), 2007 – 2013, Fehmarnbelt-Region, auf der quantitative Analyse des Tourismus-Projekts “Destination Fehmarnbelt” (Fachhochschule Westküste, 2010) und der Studie “Kulturelle fyrtårne i Region Sjælland“ by F. Sørensen, A. Kjølbæk and J.O. Bærenholdt, Center for Oplevelsesforskning, Roskilde Universitet, 2009
Die Ergebnisse dieser Studien wurden durch die ews group, Lübeck zusammengefasst und ergänzt.

kulturLINK – Analysis of Cultural Structures